Tess Gerritsen Rezension

Totenlied
(Thriller)

Was passiert wenn ich an einem Buchladen vorbei muss? Natürlich gehe ich hinein, schon alleine nur um den Duft der Bücher zu erhaschen, mich inspirieren zu lassen und ein wenig zu schmökern. Selten lasse ich mich von Covern beeindrucken, dafür lese ich Klappentexte, viele Klappentexte und gelangte dadurch zu diesem Buch.

Tess Gerritsen ist studierte Medizinerin und schreibt angeblich knallharte Thriller. Dies wusste ich beim Buchkauf nicht, da ich es später recherchierte.

Wieso blieb ich bei diesem Buch hängen? Wenn man heute in eine Buchhandlung geht, wird man nahezu an dem Überangebot an Büchern erschlagen. Neben Herrn Fitzek, welcher derzeit über allem prangt, gibt es noch zahlreiche andere Angebote, die man nutzen kann. Ehrlich gestanden, finde ich persönlich (Fitzek ausgeschlossen, ich gönne ihm den Erfolg) das Klappentexte immer vorhersehbarer werden. Irgendwie sollte ich mal Buchrezensionen nur anhand von Klappentexten schreiben. Sicherlich würde ich bei einigen Spoilern, da sie dermaßen durchschaubar sind, dass es mich langweilt. Aber der bei Totenlied – machte mich neugierig …

Klappentext:

Von einer Italienreise bringt die Violinistin Julia Ansdell als Souvenir ein altes Notenbuch mit nach Hause. Es enthält eine handgeschriebene, bislang völlig unbekannte Walzerkomposition. Julia ist fasziniert von dem schwierigen Stück, doch jedes Mal, wenn sie die aufwühlende Melodie spielt, geschehen merkwürdige Dinge. Etwas Bösartiges geht von dem Walzer aus, etwas, was das Wesen von Julias dreijähriger Tochter auf beunruhigende Weise zu verändern scheint. Weil niemand ihr Glauben schenkt, reist Julia heimlich nach Italien, um nach der Herkunft der mysteriösen Komposition zu forschen …

Buchdetails:

Broschiert: 320 Seiten

Verlag: Limes Verlag (25. Juli 2016)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3809026700

ISBN-13: 978-3809026709

Originaltitel: Playing with Fire

Der erste Satz: „Schon im Eingang steigt mir der Geruch nach alten Büchern in die Nase, ein Hauch von sprödem Papier und abgegriffenem Leder.“

Anmerkung: Autoren kämpfen sich bei „dem ersten Satz“ immer einen ab. Sagt aber meiner Ansicht nach, nichts über das Werk aus. Diesen mochte ich wirklich sehr …

Zusammenfassung:

In diesem Werk gibt es zwei Handlungsstränge. Zum einen lernt man Julia, 2. Geige eines Ensembles kennen und dann Lorenzo, der in der Zeit vor dem 2. Weltkrieg in Venedig lebte. Dieser scheint ein begabter Violinist zu sein.

Eines verbindet die beiden. Ein Musikstück: Incendio (Die Autorin spielt es hervorragend auf dem Klavier. Auf Youtube kann man es finden.)

Durch die beiden Handlungsstränge muss ich hier differenzieren:

Julia:

Sie lebt in der Gegenwart, spielt für ein Quartett Geige und findet in einem Antiquariat, in Rom, ein Notenheft. Aus diesem fällt ein loses Blatt hinaus und dieses Stück zieht sie magisch an. Sie fliegt wieder nach Hause, nach Amerika und wird dort von ihrer dreijährigen Tochter sowie ihres Mannes empfangen. Man erfährt etwas über ihre Vergangenheit, einer selbstverliebten Mutter die ihren Bruder tötete und in der Irrenanstalt landete. Der Ehemann ist Buchhalter und die Tochter verbringt sehr viel Zeit mit ihrer Mutter. Angeblich besucht die kleine Lily den Kindergarten, jedoch wurde dies nur Anfangs erwähnt.

Doch sobald sie anfängt diese Melodie, des gefundenen Notenblattes, zu spielen, passieren merkwürdige Dinge. Lily tötet erst die Katze und später rammt sie ihrer Mutter eine Glasscherbe ins Bein. Alle glauben an die Unschuld der Dreijährigen, nur die Mutter zweifelt an ihrer süßen, liebreizenden Tochter. Am Ende ergibt alles einen logischen Sinn, das Kind ist unschuldig.

Lorenzo

Die Vorgeschichte spielt vor dem 1. Weltkrieg, danach springt sie auf das Jahr 1938. Empfand ich sehr verwirrend, da es wirklich nicht passte.

Ein junger Geigenspieler, welcher eine natürliche Begabung zu seinem Instrument hegt, dessen Großvater ein Geigenbauer ist, muss mit einer Cellodame ein Stück einüben. Der Vater des Mädchens (Laura) wirkt sehr klobig und so glaubt er nicht, dass er mit dieser Dame ein gutes Spiel einüben könnte. Zu allem Übel scheint ihr erster gemeinsamer Auftritt ein wichtiger Wettbewerb zu sein. Jedoch ist Laura ganz anders als er glaubt und er trifft auf eine ehrgeizige junge Dame, die ihn verzaubert. Durch Lauras Vater beginnt er von einer Musikerkarriere zu träumen, welche ihn und seine Geige durch die Welt reisen lassen könnte. Aber vorher stand der Wettbewerb im Mittelpunkt. Während er sich immer mehr für Laura und ihr gemeinsames Spiel begeistert, nimmt die Situation der Judenverfolgung ihren Lauf.

(Anmerkung: Hier bezieht sich die Autorin um die gesetzlichen Änderungen von Mussolini. Erst später wanderte Deutschland in Italien ein und das aber nur bis Mittelitalien. Die Juden wurden dennoch ihren Ämtern enthoben und Mussolini griff härter in das Leben dieser Menschen ein. Er verbannte sie umgehend aus allen Schulen und setzte sämtliche Juden aus öffentlichen Ämtern auf die Straße.)

Lorenzo und seine Familie werden deportiert und seine musikalische Gabe rettet ihn vorerst …

 Fazit:

Ich musste an den Stellen mit der Zusammenfassung aufhören, um nicht den restlichen Verlauf der Geschichte zu sehr zu spoilern. Letzten Endes ist diese Geschichte sehr vorhersehbar und sorgt für wenig, bis gar keine Überraschungen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich bereits wesentlich bessere und vor allem tiefgründigere Bücher aus der Judenverfolgung gelesen habe. Der Thriller-Teil besteht aus dem Lied, welches Lorenzo und Laura in diesem Konzert spielten. So, den Rest kann man sich ausmalen. Die historische Geschichte war ja nett, aber extrem flach und vor allem Seelenlos. Tintentränen von Iris Krumbiegel ist um so vieles besser, als dieser Ausflug in die Zeit der Judenverfolgung. Eine theoretische Widergabe an Fakten, mit dem Versuch von Empathie.

Nachdem aber die größeren Verlage momentan lieber Bücher aus anderen Ländern übersetzen, müssen wir uns wohl in naher Zukunft damit anfreunden, dass wir solchen Kitsch zu lesen bekommen. Zudem handelte es sich um einen angeblichen Spiegel-Bestseller (ist aber schon wieder von der Liste verschwunden).

Dieses Buch spiegelt perfekt die heutige Zeit wieder. Seelenlos, akribisch recherchiert, mit Fachbegriffen um sich werfend und anstatt etwas über die Stadt Rom oder Venedig zu beschreiben, wirft die Autorin nur mit Straßennamen um sich. Wer ein Buch mit Seele und Tiefe wünscht, ist da wirklich an der falschen Stelle. Durch diese Lieblosigkeit geht auch die Spannung gänzlich verloren. Das Ende ist zwar logisch, geht aber in den typischen Kitsch auf. Die Frage die ich mir stelle, ob es wirklich ein Thriller ist? Wenn ich die Grausamkeit des 3. Reichs einbaue, so ist es noch lange kein Thriller, denn die kennen wir bereits aus wesentlich besseren Büchern.

Idee: 3/5 (Ein Musikstück entstanden durch Leid, dadurch verflucht, verfolgt die Spielerin in der Gegenwart)

Cover: 4/5 (Ich bin kein Fan davon, wenn der Autorenname wie der Titel wirkt)

Umsetzung: 1/5 (Spannung durch zu viele Begrifflichkeiten und dem flachen Handlungsstrang wurden vermasselt.)

Charaktere: 1/5 (Seelenlos und flach…)

Schreibstil: 4/5 (Natürlich ist dieser perfekt und nahezu fehlerlos, aber diese Straßennamen, Musikbegriffe – die medizinischen fand ich gelungener- nützt dieser dem Buch nichts)

Macht einen Durchschnitt von 2,6 Sternen.

3 Sterne

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