Das Kastanienherz Rezension

Rainer Mauelshagen

Produktinformationen:

Taschenbuch: 447 Seiten

Verlag: AAVAA Verlag (1. Juli 2014)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3845912758

ISBN-13: 978-3845912752

Klappentext:

Was hat er hier verloren? Nach so langer Zeit? Was hat ihn gedrängt, gerade jetzt die Stätte einer längst vergangenen Lebensepisode aufzusuchen, die allerdings so entscheidend für alle Beteiligten gewesen war? Sind es nicht die schlimmen Träume, die ihn all die Jahre aufforderten zurückzukommen, um die Fratze der Vergangenheit mit der Gegenwart zu beschwichtigen? O ja, in der Rüstung des unverwundbar erscheinenden Alters will und muss er sich dem stellen! Felix Liebtreu, ein inzwischen an Jahren und Erfahrungen gereifter Mann, kehrt an einem heißen Sommertag zurück zum Ort seiner Kindheit. Allem Anschein nach hat er dort etwas aufzuarbeiten. Der inzwischen stillgelegte Bahnhof von Leitheim ist es, den er als erstes aufsucht. Denn hier hatte damals alles begonnen.

Zum Buch:

Nachdem ich dieses kleine Werk beendet hatte, lag ich des Nachts in meinem Bett, starrte die Decke an und spürte eine angenehme innere Leere. Ich fing an mein Leben zu hinterfragen, meine Ziele, meinen Antrieb und letzten Endes, stellte ich fest, dass es mir gut geht.

Dieses Buch geht unter die Haut. Es beschreibt eine Familiengeschichte über drei Generationen hinweg, beginnend im Jahre 1880. Wie Fabrizius in einer ländlichen Gegend sein Leben verbringt. Wie er aufwächst, ehrfürchtig an Gott glaubt und als Korbflechter seinen Lebensunterhalt bestreitet. Dieser lernt ein reiches jüdisches Mädchen kennen, sie verlieben sich und nachdem der Standesunterschied so groß ist, wenden sich die Eltern von Sara ab. Nachdem Fabrizius´ Mutter stirbt, baut er zwischen Bergen, am Rande eines Flusses ein Haus. Anschließend pflanzt er einen Kastanienbaum und lebt glücklich mit seiner Sara zusammen. Der erste Weltkrieg beginnt, die Ehe blieb bis dahin kinderlos und Fabrizius zieht in den Krieg. Verändert kommt er zurück, aber die Liebe zu seiner Sara bleibt unerschütterlich. Der Glaube der beiden und die zarte Liebe die sie füreinander verspüren, lässt sie zu glücklichen Eltern werden. Einen Sohn bekommen sie, mit dem Namen Isaak Leopold Liebtreu. Die Zeiten ändern sich, das Leben wird rauer, doch das Stück Land auf dem sie leben, scheint sie von dem Unglück der Welt abzunabeln. Nur Leopold sehnt sich nach mehr, tritt der Hitlerjugend bei und zieht in den Krieg…

Die Geschichte wird mir ewig nachhängen.

Die Geschichte erzählt Felix Liebtreu, welcher seine Vergangenheit aufarbeitet, sich mit seinem Leben versöhnen möchte und um den Sinn der menschlichen Existenz zu verstehen.

Im Roman beschreibt der Autor gekonnt, wie sich der Glauben zu Gott in diesen Jahren wandelte. Aus Ehrfurcht wurde Misstrauen, aus Misstrauen die gänzliche Verleugnung. Er sieht, wie die Jugend sich fortwährend für unsterblich hält, wie sie nur immer wieder neuen Dämonen, Verführern folgen und glauben das Richtige zu tun. Aber am Ende bleibt nur das Alter, die Vergangenheit, das Erlebte und keiner will wirklich daraus lernen. Aus der Monarchie wurde die Republik, danach Besatzungszone, der Denkmantel der Demokratie machte sich breit. All dies erzählt der Autor philosophisch aus den Augen einer einfachen Familie. Einer Familie die sich im Trubel der Zeit verfängt, in der jeder mit sich selbst zu kämpfen hat und fast unmerklich die Welt sich ändert, obwohl sie sich nur weiter dreht.

Mein Fazit

In diesem Fall könnte ich wohl aus meiner Rezension, selbst einen Roman verfassen. Denn Rainer beeindruckte mich, fesselte mich und das auf höchstem Niveau. Während Autoren meinen hochgestochene Begrifflichkeiten zu verwenden, sich über ihr sprachliches Volumen zu definieren, so schafft er etwas Einmaliges. Er nutzt seine Wortgewandtheit über eine gigantische Sprachvielfalt und bleibt dennoch verständlich, leicht lesbar. Seine philosophischen Ansichten, seine zurückblickenden Gedanken, seine Verarbeitung der historischen Erlebnisse, sind dermaßen detailgetreu und doch ohne jeglichen Vorwurf. Er rechnet nicht ab, er akzeptiert, verarbeitet und lässt den Leser beeindruckt in seine Geschichte, in sein Leben blicken.

Mich störten nur zwei Dinge. Das Cover und der Klappentext sind dem Buch absolut nicht gerecht. Das geht einfach nicht. Auch wenn es Leute gibt, die behaupten, dass Literaten sich nicht verkaufen lassen, so sehe ich hier, dass dies allein an der Aufmachung liegt. Wie kann man ein literarisches Meisterwerk nur so verpacken? Klar passt die Kastanie und das kindliche Knabenfoto, doch dies sagt nichts über die Tiefe, die Perfektion dieses Werkes aus.

Auch wenn es kein Buch für jeden ist. Schon einmal gar nicht für Menschen die blind dem Leben folgen, so kann ich es Leuten ans Herz legen, die offen mit ihren Augen durchs Leben gehen, die gute Geschichten mögen und sich in einem Roman verlieren wollen. Ich habe gelacht, geweint, gebangt und das, obwohl es keine reißerische Story ist.

Dieses Buch hüllte mich sanft in eine Decke und ich lauschte der zärtlichen Stimme eines alten Mannes, der mir von seiner Lebensgeschichte berichtet. Eine Tasse Bohnenkaffe, ein Stück Kuchen dazu, der Ohrensessel darf nicht vergessen werden. Rainer Mauelshagen hinterlässt uns mit diesem Werk, ein Stück deutsche Geschichte, das Leben einer ganz normalen Familie, verbunden mit dem Wandel der Zeit, den Geistern der eigenen Vergangenheit und auch so manchen Schmerz lässt er nicht aus. Und all das, beschreibt er voller Liebe, ohne Vorurteile, bündelt es zu einem Schatz, einer Geschichte, die so niemals im Verborgenen bleiben darf. Zärtlich entblößt er die Seelen seiner Protagonisten, selbst wenn man Martha verabscheuen könnte, so ist sie ebenfalls nur ein Opfer der Verführer ihrer eigenen Zeit.

Danke Rainer Mauelshagen, danke, dass ich dies genießen, teilen und erleben durfte.  

Cover: 3 Sterne (Es bringt mich schier um, diesem Buch irgendwo 3 Sterne zu geben.)

Idee: 5 Sterne (Historisch, philosophisch, manchmal fast magisch, eine Familiengeschichte über 3 Generationen so zu verpacken.)

Schreibstil: 5 Sterne (Ein literarisches Meisterwerk!)

Charaktere: 5 Sterne (Jeden Protagonisten zu erleben, zu lieben, zu hassen und manchmal auch nicht zu verstehen. Aber am Ende bleibt nur Liebe.)

Umsetzung: 5 Sterne (Traumhaft schön… mit Wehmut lässt man mich zurück.)

 

 

Durchschnittsbewertung: 4,6 (5 Sterne)

*****

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