Wächtertagebuch

Vor vielen Jahrhunderten tobte ein Krieg über die Lande. Die kleinen Stämme in Europa kämpften gegeneinander und immer wieder durchbrachen Unruhen das wundervolle Land. Krankheiten, Armut und Hunger überwogen in dieser Zeit.

Der Vater sah auf seine Kinder hinab. Wusste sich keinen Rat und entsandte seine Söhne zur Erde. Die himmlischen Wesen vereinigten sich, ließen etwas von sich zurück. Nur ein Sohn liebte wirklich aufrichtig. Sein Herz brach, als sein Vater ihn zu sich rief.

Er weigerte sich, wollte nicht in den Pforten des Himmels verweilen. Doch sein Vater erwies sich als streng und hart und verbannte ihn auf die Erde. Er litt und sah, wie seine Liebe alterte, langsam das Leben aushauchte. Verzweifelt versuchte er, einen Weg zu finden, aber die Zeit lief ihm davon. Nichts konnte den Tod seiner Liebsten aufhalten. Sie hinterließ ihm eine Tochter. Aufopferungsvoll sorgte er für sie, aber auch sie wuchs heran, fand einen Jüngling, verließ ihn, alterte und starb.

Sein Herz ertrug dieses Leid nicht. Er entdeckte seine dunkelste Seite. Tobte über die Ländereien hinweg, bis sein Bruder Michael erschien und ihn mit seinem brennenden Schwert in die Unterwelt schickte.

Der Kampf der Engel ist längst vergessen. Hin und wieder findet man ein Bild aus der alten Zeit. Manchmal sehen Menschen seltsame Erscheinungen. Doch der Krieg der Engel rückte in die Vergessenheit.

Er, der Liebende, verkroch sich in seine Unterwelt. Lange trauerte er, quälte sich und grübelte. Immer wieder sah er, wie dunkle Seelen sein Reich betraten. Sie veränderten sich. Sie wurden klüger, bösartiger, gefährlicher. Hin und wieder sprach er mit ihnen. Bücher erregten seine Neugierde und fortan sammelte er die niedergeschriebenen geistigen Erzeugnisse der Lebenden. Bis er sich gelegentlich hinauf traute.

 

Die Erkenntnis, dass seine Liebste keinen Platz mehr in der modernen Welt hätte, tröstete ihn. Diese Welt war so laut geworden, dass Grün verschwand, endlose graue Pfade zogen sich durch einst wundervolle Ländereien. Große Höhlen aus Stein und Glas boten den Menschen einen Unterschlupf. Kleine merkwürdige Gefährte rauschten laut an ihm vorbei. Seltsame Musik hörten sie. Er brauchte Zeit, um das Gesehene zu verarbeiten. Doch irgendwie faszinierte ihn dieser Trubel. Diese einfachen Wesen erschufen so viele wundervolle Dinge. Aber auch grausam konnten sie sein. Vollkommen das Abbild seines Vaters.

Irgendwann wunderte er sich. Wo blieben die Nachkommen seiner Brüder ab? Was wurde aus diesen besonderen Kindern? Er erkannte, dass sich diese im Verborgenen hielten. Sich vor dieser Zeit versteckten. Einst waren sie Könige, Kaiser, Prinzen und Prinzessinnen. Aber nun versteckten auch sie sich.

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