Kristine von Schönfeld

Geboren in den letzten Zügen der Industrialisierung 1893.

Zur Jahrhundertwende fürchteten sich meine Eltern vor den politischen Umstürzen. Die Menschen schafften den Adel ab, verabscheuten uns. Im Jahre 1903 entschloss sich meine Familie, das Land zu verlassen. Ich liebte die Burg bei Prag, den Zauber, welchen sie versprühte, die Geschichten meines Vaters, die alten Rituale. Doch all das ließen wir zurück. Mein Vater bestand darauf, dass wir dies alles vergessen sollten und niemals zurückblicken durften.

Er beschwor uns auf der Überfahrt nach Amerika. Auf dem kalten Schiffsdeck zog er meinen Bruder und mich zur Seite. Er sprach auf uns ein, flehte uns an, dass wir nie wieder über Magie reden sollten. Nur eines gab er uns mit. Einen alten Zauber, damit unsere Kinder nie die Welt der Geister erblicken würden.

Wirklich, es funktionierte. Ich fand einen Mann, brachte zwei zauberhafte Kinder zur Welt. Gelegentlich entdeckte ich Geister, doch sprechen tat ich nie darüber. Manchmal aber erwischten sie mich, wie ich mit einem Toten diskutierte, aber sie taten es als eine Absonderheit ab. Erst meiner Enkeltochter erzählte ich die alten Geschichten. Womöglich lag es an meinem hohen Alter, meinem Erlebten, den Verlust meines Erbes. Denn mein Mann erkrankte an Krebs, die Kosten überschlugen sich, nur das Haus konnte ich halten. Auch meine Tochter starb noch vor mir. Meine Enkelin wurde zu meinem Lebensinhalt. Sie kümmerte sich um alles, bis sie selbst einen Mann traf und mit ihm drei Kinder zur Welt brachte.

Um eines der Kinder sorge ich mich. Denn seine Augen zeigen mir die alte Magie, sie erinnern mich an meinen Vater, welcher einst stolz hinter seinem Schreibtisch saß. Ich vergötterte meinen Vater, seine Geduld, sein Wissen, seine Intelligenz, seine Zauber. Er wirkte immer so stark, so unbeugsam. Aber als der Tot auch ihn heimsuchte, war davon nichts mehr geblieben. Wir verloren unsere Vergangenheit, unser Wissen, unsere Kraft. Das Letzte was er zu mir sagte:

„Krisi – es wird eine Zeit kommen, in der die Magie wieder auferstehen wird.“ Anschließend schloss er seine Augen und ließ mich weinend zurück.

Dies hier ist mein letzter und einziger Eintrag. Das Buch werde ich anschließend dem Feuer übergeben. Meine Hoffnung beruht auf meinem mittleren Ur-Enkel. Er ist es, der die Magie noch nicht verloren hat und er wird stark sein, denn er konnte meinen Fluch umgehen. Keine Ahnung, wie er es schaffte, dennoch scheint er eine unglaubliche Kraft zu besitzen. Wenn ich aufblicke, sehe ich ihn lauern, den Tod, er empfängt mich und ich freue mich darauf, die Verlorenen wiederzusehen. Nur um meinen Ur-Enkel trauere ich.

Aron, die Zukunft der Menschen liegt in deiner Hand.

Kristine von Schönfeld verstarb im hohen Alter von fünfundneunzig Jahren. Der Name Von Schönfeld entstammt einem böhmischen Adelsgeschlecht, die Burg bei Prag fiel durch die langanhaltende russische Besatzung an den Staat. Da liegt sie nun im Verborgenen und wartet. Nie wieder konnte sie betreten werden, denn ein seltsamer Zauber lag auf ihr. Sobald man nur in ihre Nähe kam, spürte man eine merkwürdige Energie und wenn man sie berührte, glich es einem Stromschlag. So erzählten sich die Menschen die gruseligsten Geschichten. Aber was wartet an diesem Ort? Könnte man dieses Bauwerk von seinem Fluch befreien? Oder würde sie den Naturgewalten zum Opfer fallen und auf ewig vor sich hin vegetieren, bis sie endgültig zerfällt?

 

 

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