Interview mit Cesare Scarlatti Protagonisteninterview

 

Wir haben uns für dieses Protagonisten – Interview, aus dem Roman: Der Schwur der Schlange, etwas besonderes ausgedacht. Denn wir holten Herrn Scarlatti aus dem 18. Jhd. in ein modernes Fernsehstudio und befragten ihn auf einer etwas anderen Art.

Viel Freude beim Lesen!

Wundern Sie sich nicht, wegen seiner Aufmachung. Gepuderte Perücken und ein prunkvoller Kleidungsstil, gehörten zu der damaligen Zeit. Doch Herr Scarlatti weicht davon ab, scheint seinen eigenen Idealen zu Folgen. Diese Fragen und auch politische Auskünfte, wird er uns beantworten.

Sein Name:    Cesare Scarlatti

Alter:              56 Jahre

Wohnort:       Paris

„Vielen Dank Herr Scarlatti, dass Sie uns heute mit Ihrer Anwesenheit beehren

und auch wenn meine erste Frage nahezu trivial erscheint, so möchte ich Sie bitten, uns etwas über ihre Kleidung zu berichten.“

„Mit trivial liegen Sie sehr richtig, mir fehlt die Zeit und die Lust, mich um Stilfragen zu kümmern. Ein schwarzes Hemd, schwarze Kniehosen und Strümpfe, mehr brauche ich nicht. Im Winter einen schwarzen Rock. Und wie Sie unschwer erkennen, trage ich mein Haar offen.“

„Wie lange dauert ihre morgendliche Toilette?“

„Della Motta benötigt bis zu einer Stunde, um sich hoffähig zu machen, ich selbst bin in fünfzehn Minuten fertig, die Rasur eingeschlossen.“

„Wie können Sie sich solch teure Stoffe leisten? „

„Stellen Sie diese Frage auch einem Politiker Ihrer Zeit?“

„Auch heute beurteilt man die Menschen nach ihrem Erscheinungsbild.“

„Das mag durchaus sein, doch ich bezweifle sehr, dass Sie Ihre Politiker so unverblümt nach ihren privaten Finanzen fragen.“

„Nein, dazu gibt es anderweitige Möglichkeiten diese herauszufinden. Was auch oftmals in der Presse breitgetreten wird.

Wie sieht der Tagesablauf in Ihrer Zeitepoche denn aus?“

„Das ist abhängig von Stand und Beruf. Ich selbst führe sehr viel Korrespondenz und Konversation und halte mich am Hof ebenso auf wie in den Debattierklubs. Politik lebt von Informationen und strategischen Allianzen.“

„Vielen Dank für das anfängliche Geplänkel, doch nun zu weit interessanteren Themen. Durch einige Journalisten erfuhr ich, dass sie ein … nun nennen wir es prekäres Bildnis, der Marie Antoinette in ihren Händen hielten. Diente dies zu Ihren eigenen Gelüsten oder wurde es zu einem geheimen Tauschhandel benötigt?“

„Dieses Bild hatte halb Paris in Händen, täglich werden neue Schmähschriften über die Österreicherin gedruckt. Ob es gestern ein Pamphlet oder heute eine pornografische Skizze ist, ist mir dabei vollkommen gleichgültig. Mir geht es um die politische Stimmung.“

„Diese Intrigen der damaligen Zeit, Ihrer Zeit, sind den heutigen Machtspielchen nicht ganz fremd. Das Volk schuftet, während Sie korrespondieren und Briefe schreiben, das Volk hungert und sehnt sich nach mehr Wohlstand. Sie behaupten felsenfest, dass Sie die Staatskassen auffüllen könnten, besser wirtschaften, als die bisherigen Obrigkeiten.“

„Sie legen mir Worte in den Mund, die ich so nie gesagt habe. Ich habe gar nichts in dieser Richtung behauptet, aber es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass der Staat bankrott ist.“

„Wie wollen Sie dies anstellen?“

„Es wäre ein komplexes Bündel an Maßnahmen vonnöten. Die Repräsentationsaufwendungen müssten dringend überdacht werden, die merkantilistische Wirtschaftspolitik ist überholt, und über die Verteilung der Steuern wäre grundsätzlich zu diskutieren.“

„Sie klingen durchaus wie ein Politiker der heutigen Zeit, blasphemische Formulierungen die keinen aussagekräftigen Inhalt haben.“

„Blasphemisch, aha. Mir wäre nicht bewusst, dass ich in irgendeiner Weise religiöse Inhalte angesprochen, geschweige denn ein göttliches Wesen verunglimpft hätte.“

„Was beabsichtigen Sie denn? Oder geht es Ihnen nur darum, dass Sie durch die anstehenden Unruhen mehr Macht gewinnen wollen?“

„Und Sie denken wirklich, dass ich meine Pläne offenlege? (Lacht) Gute Frau, das wäre höchst dumm von mir. Im Gegensatz zu den Politikern Ihrer Zeit muss ich mich keiner Wahl stellen und mich vor niemand anderem rechtfertigen als vor dem gekrönten Monarchen. Das ist der Vorteil der Kabinettspolitik.“

„Wie ich erfahren konnte, gehören Sie einer geheimen Organisation an. Welches Amt üben sie genau im Schlangenorden aus?“

„Das Wesen eines Geheimbundes ist, dass seine Mitglieder und Amtsinhaber geheim sind.“

„Könnten Sie uns kurz erklären, für welche Ideale dieser Orden steht?“

Ehemals beförderte und pflegte der Orden den Kult der Großen Schlange. In einem säkularisierten Zeitalter wie dem 18. Jahrhundert ist der Kult jedoch nicht nur alt, sondern wie alle anderen Kulte auch überholt. Unsere Aufgabe liegt in der Politik und in der Beeinflussung der Mächtigen, um ein tragfähiges Fundament für das nächste Jahrhundert zu schaffen. Der Orden verfügt über fähige Männer, die, an den richtigen Schlüsselpositionen platziert, die Geschicke der alten und der neuen Welt in zukunftsversprechende Bahnen lenken.

 „Bei der Gräfin erweckte es eher den Eindruck, dass dieser Orden für eine Neuordnung steht. Zum einen in der Rechtsprechung und zum anderen in der Auffassung der Religion. Die Gräfin ist dem Volk gegenüber fair, spricht sich gegen die Verurteilung einer Kindsmörderin aus, welche zuvor vergewaltigt wurde. Sie hingegen möchten nur ihre Machtposition erhalten. Wie stellen Sie sich denn die Zukunft vor? Wie sollen diese Bahnen aussehen?“

„Die Gräfin von Rostow strebt keineswegs eine Neuordnung an, sie steht genau für das, was keine Zukunft hat, nämlich für den Kult. Marconi ist reaktionär um seiner eigenen Position willen, die Gräfin glaubt aber auch noch an das, was sie fordert. Wollen sie tatsächlich eine Gesellschaftsordnung, die auf Religion beruht? Jahrhundertelang standen die Menschen unter der Fuchtel der Kirche, jetzt endlich konnten sie sich davon befreien, und Sie propagieren die Unterordnung unter einen anderen Kult?“

 „Sie haben meine Fragen nicht beantwortet. Wie soll denn die Zukunft aussehen? Nachdem Sie eine Zeitreise ins 21. Jahrhundert erleben durften, sieht so ihre Vorstellung von Zukunft aus, oder würden sie auch in dieser Zeit etwas ändern wollen?“

„Soweit ich Ihr Jahrhundert nach den ersten Einblicken beurteilen kann, haben die Menschen nicht wirklich dazugelernt. Die Masse scheint zu regieren, und dabei kommt nie etwas Gutes heraus. Es kann ebenso wenig angehen, dass sich eine durch Geburt oder Geld privilegierte Schicht bereichert, wie dem Volk unmögliche Zugeständnisse zu machen, nur um sich die Gunst des Pöbels zu sichern. Die Geschicke des Staates müssen daher in den Händen gebildeter Menschen liegen, die über Klugheit, Weitsicht und strategisches Können verfügen. Dem Staat als Ganzes muss es gut gehen. Dazu gehört auch das, was Sie heute sozialen Frieden nennen. Hat der Mob nichts zu essen, wird er über kurz oder lang rebellieren.“  

 „Unsere Zeit neigt sich dem Ende. Herzlichst möchte ich mich für dieses Gespräch bedanken. Gerne dürfen Sie sich bei den Zuschauern verabschieden und noch ein paar letzte Worte los werden.“

„Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit Ihrem Zeitalter behutsam umgehen. Wir haben in dem unseren wichtige Grundlagen gelegt, die Ihnen heute zugutekommen, werfen Sie diese Errungenschaften nicht leichtfertig weg. Gib den Menschen, was sie wollen, dann tanzen sie nach deiner Pfeife, das weiß jeder, der nach Macht strebt. Wenn Sie schon unbedingt Ihre Staatsführer selbst wählen wollen, denken Sie an das Ganze, nicht an Einzelinteressen, und fallen Sie nicht auf verführerische Worte herein. Auch ich hätte Ihnen das Blaue vom Himmel herunter lügen können, doch damit ist niemandem gedient.“

„Vielen Dank, für die aufrichtigen Worte und wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg.“

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